Meinen Eltern zufolge lautet das erste Wort, das ich gesprochen habe, „Nein“.

Dazu kam es schon im frühen Krabbelalter.

In der kleinen Mietwohnung stand eine große Topfpflanze, ich glaube es war ein Gummibaum, der ebenso regelmäßig wie fleißig gegossen wurde und sich dafür bedankte, indem er wuchs und gedieh.

Klein-Gerald hatte wohl die Angewohnheit, die saftige Erde aus dem Gummibaumtopf in sein Mäulchen zu stopfen. (Im Englischen ist „Eat dirt“ eine Demütigung, was ich nie so recht nachvollziehen konnte.)

Wenn meiner Mutter auffiel, dass ihr fröhlich auf allen Vieren die Wohnung erkundender Sohn wieder Kurs auf den Gummibaum nahm, rief sie laut und wiederholt „NEIN“.

„Nein!“, rief die Mutter, als sie sah, wie Klein-Gerald in Richtung Gummibaum zu krabbeln begann.

„Nein!“, rief die Mutter, als Klein-Gerald unbeirrt weiter seinen Kurs Richtung Gummibaum beibehielt.

„Nein!“, rief die Mutter, als Klein-Gerald den Gummibaum erreicht hatte. Klein-Gerald blickte fröhlich zur Mutter herüber und richtete sich ein bisschen auf, um an den Topfrand zu kommen.

„Gerald, nein!“, rief die Mutter, als Klein-Gerald nach der Topferde griff.

Das war wohl der Moment, in dem Mutter oder Vater verzweifelt loshechteten, um den kleinen Drecksfresser von seinem schändlichen Tun abzuhalten.

Die Leckerei aus dem Blumentopf

Trotzdem muss der Torf eine grenzenlose Anziehungskraft auf den kleinen Gerald ausgeübt haben.

Und so kam, was kommen musste.

„Nein!“, rief der kleine Gerald mit strahlendem Lächeln, während er unbeirrt auf den Gummibaum zukrabbelte.

„Nein!“, rief der kleine Gerald, während seine Kinderpfote in die Topferde griff.

„Nein!“, rief der kleine Gerald begeistert, während ihn seine Mutter gleichzeitig lachend und angesäuert vom Topf wegtrug, um seine Hände zu waschen.

„Mama“ und „Papa“ kamen irgendwann auch aus dem Kindsmaul, aber das erste Wort, das war definitiv ein mit Inbrunst und großer Freude ausgestoßenes „Nein“.

Der Gummibaum wuchs und gedieh trotz meiner gelegentlichen Torf-Snacks munter weiter und wurde irgendwann zu groß für die kleine Mietwohnung, weshalb ihn ein Freund der Familie übernahm.

Bis heute empfinde ich Gummibaumblätter als schönen Anblick. Der Appetit auf Topferde ist mir hingegen vergangen.

Bonus: Mein Vater informiert mich, das Objekt meiner frühkindlichen Begierde sei kein Gummibaum gewesen, sondern ein Philodendron. Auch hätten mich meine Eltern stets rechtzeitig abgefangen, bevor ich die Pflanze erreichte.

Mehr gefällig?