Nach 40 Jahren endlich gefunden

Es gibt so triviale Dinge, die an einem nagen … und dann lösen sie sich auf und das Ergebnis bringt nicht das erwartete Gefühl des triumphalen Erfolgs, sondern extreme Erleichterung und Entspannung. Und tiefe Verwunderung über den gänzlich unerwarteten Glücksfall.

In meiner frühen Jugend lief immer wieder ein Lied im Radio. Es hatte einen Refrain, der klang wie „On The Road Again“, sowie eine langgezogene, etwas melancholische Tonfolge, mutmaßlich gespielt von einer Querflöte.

Mehrere Gründe konspirierten damals dagegen, dass ich den Ursprung des Liedes herausfand.

Der erste Grund war rein technisch.

Das Radio, das kaum mehr eines war

Mein damaliges Radio war ein zerbrochener Plastikfußball, dessen Innereien in einem offenen Zigarrenkistchen lagen: eine 9-Volt-Block-Batterie, die abgerundete Leiterplatte und der kleine Lautsprecher, kleiner als mein Handteller, der noch in der oberen Hälfte des Plastikfußballs klebte.

Die ganze Angelegenheit war sehr zerbrechlich und die Tonqualität war hundsmiserabel. Wenn aber dieses mysteriöse Lied im Radio lief, quiekte die langgezogene, etwas melancholische klingende Tonfolge durchdringend durch den Lautsprecher, was mich elektrisierte. Irgendwie schwang ich mit dieser Tonfolge mit.

Gelegentlich sagte der Radiomoderator danach an, wie das Lied hieß. Das half mir wenig. In Kolumbien war es üblich, fremdsprachige Liedtitel ins Spanische zu übersetzen. Als Nena nach Kolumbien schwappte, hieß ihr großer Hit plötzlich „Noventa y nueve globos rojos„. Und Falco besang „El comisario„. Auch Bandnamen wurden hispanisiert (Hombres sin sombreros, Club de la cultura … nur die Beatles und die Rolling Stones sind heil davongekommen).

Der Moderator sagte den Titel und Interpreten des Lieds also auf Spanisch an. Meine Spanischkenntnisse waren seinerzeit zu rudimentär, und der Lautsprecher meines Radios zu schlecht, um ihn zu verstehen.

Dann verschwand der Song aus der Hitparade und ward nie wieder gehört.

Die Suche nach dem verlorenen Song

Die Sache ließ mich nicht los.

Jahrelang versuchte ich, herauszufinden, was für ein Lied das war. Ich war mir relativ sicher, dass der Titel irgendwas mit „On The Road Again“ war. Ich begann, zu recherchieren. Acht Jahre gingen ins Land. Damals, vor dem Internet, wies alles darauf hin, dass es sich um den gleichnamigen Hit von Canned Heat handeln musste.

Ich bestellte also „blind“ im Versandhandel eine CD mit dem Song. Einmal hören reichte: Das war alles andere als das, woran ich mich erinnerte: Bluegrass mit Mundharmonika und einem Sänger mit Falsettstimme. Zumal war die Single von 1968. Ich kann gar nicht beschreiben, wie enttäuscht ich damals war.

Zeitlich plausibler war, dass es sich um den Hitsong von Willie Nelson handelte. Da musste ich aber keine CD bestellen, um zu wissen, dass das nicht das Gesuchte sein konnte: Willie Nelson singt Country. Nichts gegen Country, aber das Lied, woran ich mich im Laufe der Jahre immer schlechter erinnern konnte, war definitiv kein Country.

Ich gab die Suche auf.

Selbsterniedrigung und Resignation

Aber der Song ließ mich nicht los. Gelegentlich versuchte ich, die langgezogene Melodie nachzuspielen, aber es fehlte irgendwie immer ein Ton. Ich wusste noch grob, wie der Refrain ging, und sang ihn einmal einem Plattenverkäufer vor: „On the road, on the road, on the road again … nein? Sagt Ihnen nichts?“ Die Sache war ebenso erniedrigend wie vergebens.

Mehrfach grübelte ich, ob ich nicht ein neues Lied einspielen könnte, mit dem Refrain und dem Melodieteil, an den ich mich noch erinnern konnte, und dann darauf zu warten, dass mich jemand wegen Plagiat verklagt. Aber inzwischen war mir ja schon ein Ton der Melodie aus dem Gedächtnis gefallen.

Sonntag Nachmittag, Anfang Januar 2021, ich klicke mich durch Internet. Durch einen dieser total unplausiblen Zufälle stoße ich auf einen Link zu einem Song mit dem Titel „On The Road Again“ , von einer Band namens Barrabás.

Klick.

Stampfender Discobeat. Langweilige Einleitung. Erste Strophe, trivialer Text. Dann der Refrain. „On the road, on the road, on the road again!“ Und im Hintergrund diese Synthesizerfigur, die mein olles Fußballradio vor 40 Jahren in Richtung Flöte verzerrt hatte.

Ich hörte es, erkannte es wieder … und empfand überhaupt nichts.

Geschichte eines verschollenen Songs

Es muss der Schock gewesen sein, nach so langer Zeit völlig unerwartet genau das gefunden zu haben, was ich schon so lange zu suchen aufgegeben hatte.

Jetzt, wo ich die Sache aufschreibe und dabei das Lied im Hintergrund wieder höre, tränen mir die Augen und meine Hände sind klamm und ich muss immer wieder schlucken. Ich kann es immer noch nicht so ganz fassen.

Laut Wikipedia war Barrabás eine spanische Popgruppe, die erst Latin Rock machte und dann, Anfang der 80er, in Richtung Disco abbog.

Die Titel On the Road Again (1982), Woman und Wild Safari konnten in mehreren europäischen und südamerikanischen Ländern Erfolge erzielen.

Quelle: Barrabas (Band) auf Wikipedia (de)

Dankbarerweise geht die spanische Wikipedia viel detaillierter auf die Geschichte der Band Barrabás ein, von der Gründung 1971 über die Neuaufstellung nach vier Jahren, die zu einer musikalischen Neuorientierung führte, die im Album „Piel de Barrabás“ mündeten, auf dem der Hit „On The Road Again“ drauf war. Aber nicht mal der spanischen Wikipedia war das Lied eine eigene Seite wert.

Eine spanische Band, die auf Englisch singt und zwei Jahre nach dem berüchtigten Tod des Genres einen Disco-Hit landet. Darauf hätte ich ja auch wirklich mal kommen können.

So, ich höre mir das Lied jetzt noch ein paar Dutzend Male an und vergieße dabei vermutlich noch ein paar Tränen – schließlich habe ich ein paar Jahrzehnte aufzuholen. (Die CD ist schon bestellt.)

Bonus: Ach ja, der aus meiner Erinnerung fehlende Ton … der fehlte gar nicht. Im vermeintlichen Loch wird gerade der Refrain gesungen, weshalb der Synthesizer da kurz pausiert.

Mehr gefällig?