So nicht ganz passiert.

Ich stehe vor einem geschlossenen Geschäft und tue, was man vor geschlossenen Geschäften so tut: die Tabelle mit den Öffnungszeiten studieren und versuchen, sie mir zu merken. Zu mir gesellt sich ein noch älterer Herr.

Er schnaubt: „Warum haben die denn so selten offen?“

Das Geschäft verkauft schöne Dinge, die ich sonst nirgendwo bekomme. Naja, es gibt sie natürlich auch bei Amazon, aber da haben mir die Medien in den letzten Monaten ein so schlechtes Gewissen eingeredet, dass ich jetzt dort nur noch ganz teure Sachen bestelle wie Beamer und Smartphones und ganz billige wie Barfußschuhe aus China.

Ich bin also aus moralischen Gründen auf dieses Geschäft angewiesen, aber es hat zu. Sowas passiert. Der Herr neben mir sieht das weniger gelassen: „Immer, wenn ich hier was brauche, haben die zu.“ Still nehme ich zur Kenntnis, dass das ein Satz ist wie „Wenn ich etwas suche, ist es immer am letzten Ort“.

Kurz denke ich darüber nach, was wäre, wenn der Geschäftsinhaber per Telepathie oder Fernrohr ausspähen könnte, wann der Herr neben mir etwas aus seinem Laden braucht, schnell eine angepasste Öffnungszeiten-Tabelle an die Tür hängt, den Laden verdunkelt und sich mit einem irren Kichern hinter die Theke duckt, bis er wieder weg ist.

Ohne nachzudenken, mache ich etwas total Blödes: Ich drücke gegen die Türklinke. Der Laden ist wirklich zu.

Etwas über mich selbst verärgert beschließe ich, weiterzugehen. Der Herr hat aus irgendeinem Grund dieselbe Richtung. Der Laden zwei Türen weiter ist auch zu. Hier klebt an der Tür ein handschriftlicher Zettel: „Verehrte Kunden, das Geschäft öffnet im Monat Oktober nur Samstags in der Zeit von 11 – 13 Uhr.“

Der Herr liest den Zettel laut vor und schüttelt traurig den Kopf. „Der arme Teufel“, sagt er. Dem Ladeninhaber gehe es schon lange nicht mehr gut, erzählt er. Der Kreislauf, das Alter, die Beine. „Das war nur noch eine Frage der Zeit, bis der nicht mehr kann“, meint er, die Stimme plötzlich voller Wärme und Mitgefühl.

Ich überlege kurz, ins Feld zu führen, ob der andere Laden vielleicht deshalb so begrenzte Öffnungszeiten hat, weil dessen Besitzer auch nicht mehr kann. Dann entschließe ich mich dagegen, kehre kurz um und mache mit dem Smartphone (gekauft bei Amazon) ein Foto der Öffnungszeiten. Als ich mich wieder umdrehe, ist der Herr weg.

Mehr gefällig?